Laute Gedanken zum stillen Örtchen

Wir alle suchen es am Tag durchschnittlich fünfmal auf, aber wir sprechen kaum darüber. Vor allem erwähnen wir nicht, wie wir nach unserem Geschäft die Spuren unserer Hinterlassenschaften an unserem Allerwertesten beseitigen. Komisch … an sich sind wir Nordeuropäer doch immer so bedacht darauf, dass alles rein und sauber ist, aber unser Hintern geht uns am Arsch vorbei.

Ich meine, wenn wir mit der Hand in einen Haufen Kot packen – igitt! –, schrubben wir anschließend mit Wasser und Seife den Mist weg. Minutenlang. Gründlich. Dann schnuppern wir noch mal, ob’s auch wirklich weg ist, spülen kräftig nach, desinfizieren und endlich trocknen wir unsere Hände am Handtuch ab, das anschließend bei 90 °C in die Waschmaschine wandert. Doch für unseren Po nutzen wir nur Toilettenpapier. Immerhin, das muss man uns Deutschen lassen, meistens Dreilagiges. Da weicht dann nichts durch und gelangt an die Hand (wodurch wir minutenlang beschäftigt wären). Obwohl es nur trockenes Papier ist und wir unsere Hand niemals nach … ihr wisst schon … damit reinigen würden, glauben wir dennoch, dass durch die Verwendung von weiß-geblümten Klopapier unser Hinterteil sauber und frisch erstrahlt.

Hä?

Kleiner Abstecher zu einem anderen wichtigen Thema

Meine Meinung: Bäume sind sindvoller als Klopapier.

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs zum Thema Umweltbelastung. Etwa 93 Rollen Toilettenpapier verbraucht jeder Deutsche durchschnittlich im Jahr. 270.000 Bäume werden jährlich allein für Hygienepapier (darunter Küchenrollen, Taschentücher und feuchtes Toilettenpapier) gefällt! Und für was? Für einen Hintern, der die Bezeichnung „porentief rein“ nicht verdient.

Da dieser Gedanke offensichtlich die Runde gemacht hat, greifen viele Verbraucherinnen und Verbraucher inzwischen zu feuchtem Toilettenpapier. Das riecht so schön nach Kamille und fühlt sich wie frisch gewaschen an. Ist aber schädlich für die Abwasserkanäle und dank der Duft- und Inhaltsstoffe auch für die empfindliche Haut zwischen unseren Backen.

Wieso also nicht einfach Wasser?

Nehmen wir zum Beispiel das Bidet. Seine Erfindung wird französischen Möbelbauern nachgesagt und ist in Europa hauptsächlich in Italien, Portugal und Frankreich zu finden. Nach dem Gang auf die Toilette schwingt man sein Gesäß galant auf das Bidet, bedient den Wasserhahn und … Huch, da ist sie, die porentiefe Sauberkeit. Kurz abgetrocknet, aus die Maus.

Weshalb hat sich diese großartige Erfindung in Deutschland nicht durchgesetzt?

Der Muskelkater am Tag danach

Im Hocken machen soll sowieso gesünder sein.

Als ich in der Türkei war, habe ich mich in die dortigen wasserreichen Aborte verliebt. Und nicht nur das: Ich habe mich auch in die Hocktoiletten verliebt, die übrigens in manchen südeuropäischen Ländern ebenfalls zu finden sind.

Damit spreche ich über ein weiteres Toilettentabu in Deutschland. Die meisten Menschen mögen es überhaupt nicht, sich mit ihrem Allerwertesten auf ein öffentliches Klo zu setzen. In WikiHow ist zur Benutzung öffentlicher Toiletten sogar ein Artikel verfasst worden, in dem unter Punkt 4 steht: „Setze dich nicht auf den Sitz, aber hocke dich dicht darüber.“

Statt uns also auf das Klo zu setzen, hängen wir in einer verkrampften Haltung über der Schüssel und hoffen, uns soweit entspannen zu können, dass die Geschäfte ins Fließen kommen. Nach einer durchzechten Kneipennacht mit viel Bier und häufigem Wasserlassen teilen sich am nächsten Tag Kater und Oberschenkelmuskelkater den Körper.

Warum also nicht einfach dieses praktische Hockklo in öffentlichen Toiletten und Kneipen installieren? Wer es verkrampft mag, kann ja. So aber hätten alle die Wahl, weiterhin eine sportliche Höchstleistung mit 1,4 Promille zu verbringen oder tief in die Knie zu gehen und den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Jetzt lebe ich in Ägypten. Für mich ist es hier das Paradies auf Erden. Nein, nicht nur wegen der Toiletten; allerdings tragen diese einen großen Teil zu meinem Wohlbefinden bei. Jedes Klo ist mit einem integrieren Bidet ausgestattet oder verfügt über eine kleine Dusche daneben (auf Arabisch shatafa toilett). Und obwohl Ägypten inzwischen eher auf einen europäischen Sitzstandard setzt, finde ich es hier meistens weit weniger eklig, eine öffentliche Toilette aufzusuchen, als in Deutschland. Ganz einfach, weil mir in der Kabine genügend Wasser zur Verfügung steht, um die Schüssel nach meinem persönlichen Hygienestandard zu reinigen.

Sich den Intimbereich nach dem Toilettengang mit Wasser zu reinigen, ist übrigens auch in weiten Teilen Asiens verbreitet. Die Japaner dürften da zu den Spitzenreitern gehören. Manche dieser Klos erinnern eher an das Cockpit eines Flugzeuges als an eine Toilette, weshalb in Internet auch unzählige Tutorials zur Bedienung zu finden sind.

Was der Eine komisch findet, ist des Anderen tägliches Geschäft

Hm… trocken Papier und sonst gar nichs.

Wieso tun sich die Deutschen nur so schwer damit? Tatsächlich habe ich mal einem Freund meine Begeisterung über die Wassertoiletten in Ägypten mitgeteilt, aber der war eher verwirrt als interessiert: „Das ist doch schon irgendwie komisch.“

Ist es komisch, weil wir es nicht kennen?

Als ich mich im Zuge dieses Artikels durchs Internet gelesen habe, fand ich einen Blogbeitrag, in dem jemand seinen Ekel über die Angewohnheit der Moslems aussprach, sich den Mors mit Wasser und Hand zu reinigen. Entsetzt fragte sich diese Person, wie viele Döner sie aus der Hand eines Moslems in ihrem Leben schon gegessen hat. Ich aber frage mich, wie man trockenes Papier am Po als hygienische Reinigung bezeichnen kann? Ob der Autor dieses Blogbeitrages wohl zu der Hälfte der Deutschen gehört, die den Kuss am Po als erotisches Lustspiel betrachten?

Manchmal verstehe ich uns Menschen einfach nicht.

Wir legen so großen Wert darauf, uns von den Tieren zu unterscheiden, an der Spitze der Evolution zu stehen, fortschrittlich zu sein, doch im selben Augenblick vertrauen wir blind auf alte Gewohnheiten und hinterfragen unser Tun nicht, nur weil wir das Tun eines Anderen „komisch“ finden?

Was las ich in einem Artikel im Handelsblatt vom 18.11.2016? „Die Klos von Berlin bis New York haben sich seit 100 Jahren nicht mehr wesentlich geändert. “

Das finde ich wiederum komisch. Dass in Ländern, die sonst jedem Fortschritt gegenüber aufgeschlossen sind, der Hintern die Arschkarte gezogen hat.

Aber so sind wir Menschen halt. Komisch.

Übrigens: Wer will, findet inzwischen auch in Deutschland gute Möglichkeiten, sein WC mit einer Popodusche nachzurüsten. Einfach mal im gut sortieren Fachhandel nachfragen oder die Suchmaschine der eigenen Wahl nutzen.

Auch in dieser öffentlichen Toilette inmitten der Wüste Sinai ist fließend Wasser vorhanden, damit alles Wichtige gereinigt werden kann.