Mein Leben als Ausländerin

Ende 2016 bin ich aus meinem Land geflohen. Aus einem Land der Bürokratie, des Funktionieren-Müssens, des Stillsitzens und des Burn-outs. Aus einem Land, in dem die Menschen zum Lachen auf das Oktoberfest oder in den Keller gehen, und das, obwohl ihre Zähne strahlend weiß sind. Und glücklicherweise aus einem Land, dessen Staatszugehörigkeit mir fast jede Grenze öffnet.

Nun lebe ich als Ausländerin in einer Nation, deren Kultur, Werte und Religion so gar nichts mit meiner ursprünglichen Heimat gemeinsam haben. Gehe ich hier mit meinem kurzen Kleidchen auf die Straße, werde ich häufig von den fast komplett verhüllten Frauen mit ihrer Nikab angestarrt. Ob sie lächeln, vermag ich nicht immer zu sagen, da dieser Schleier nur die Augen frei lässt. Was die Kinder und Jugendlichen mir kichernd hinterherrufen, verstehe ich nicht, weil ich in der fremden Sprache bisher nur die Ausdrücke „Danke“ und „Wie geht’s“ gelernt habe. Den meisten Männern macht es nichts aus, sich öffentlich die Eier zu kraulen, und der Singsang der Gotteshäuser erzeugt in mir eine Mischung aus genervter Neugier.

Ab und an verunsichert mich all das, da es fernab von dem ist, was ich kenne. Dennoch bleibe ich, denn es geht mir gut hier. Die Sonne scheint jeden Tag, das Leben ist entspannt und im Gegensatz zu Deutschland gehöre ich in diesem wirtschaftlich armen Land der Oberschicht an.

Ich habe mich für ein Leben in Ägypten entschieden.

Von Vorurteilen, Ängsten und nackter Haut

Fatma in der Dschallabija © Fatma

Nun bin ich diejenige, die durch ihre Andersartigkeit fremde Gedanken und Ideen in ein Land einführt, das sich von meiner gebürtigen Heimat vollkommen unterscheidet. In Ägypten binde ich mir genauso wenig ein Kopftuch um wie viele meiner türkischen oder syrischen Mitbürgerinnen es in Deutschland ablegen. Während ich hier im Bikini am Strand liege, verlassen meine beduinischen Nachbarinnen das Haus nur in ihrer schwarzen Dschallabija. Ob ich mich integriere? Mich anpasse? Objektiv betrachtet sieht es kaum danach aus.

Oft frage ich mich bei einem Gang durch die überhitzten Straßen, wo eigentlich der Unterschied zwischen mir in Ägypten und einer Syrerin in Deutschland liegt? Außer dass ich nicht vor dem Krieg geflohen bin, sondern eher vor – ja, was eigentlich?

Wir sind beide fremd in einer fremden Welt.

Doch so aufregend oder lebenssicher fremde Welten auch sein mögen, sie konfrontieren uns auch mit unseren Vorurteilen, unseren Ängsten und unseren Moralvorstellungen. Sie fordern uns, um Hilfe zu bitten und uns verletzlich zu zeigen. Und manchmal enttäuschen sie uns auch.

Wie gut tut es dann, Menschen zu begegnen, die uns Zeit lassen, unseren Platz in der fremdartigen Umgebung zu finden. Die uns einen Zugang zu ihrer kulturellen Andersartigkeit verschaffen, indem sie einfach offen für unsere jeweilige Andersartigkeit sind. Die statt einer Bedrohung ihrer Werte und Normen eine Bereicherung in uns Zuwanderern sehen.

Konfrontation mit anderen Wertvorstellungen

Fatma mit den Ziegen in der Wüste © Fatma

In Ägypten habe ich mit einer jungen Beduinin Freundschaft geschlossen. Das Leben, das sie führt, ist eins, gegen das wir in Europa ankämpfen. Gefangen in ihren familiären Strukturen bedient sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren Schwestern die Männer ihres Clans. Sie kocht, wäscht und organisiert den häuslichen Bereich. Sie betet fünfmal am Tag, führt die Ziegen durch die Wüste und ist mit ihren 25 Jahren noch unverheiratet. Sie weiß, dass der Mann, für den sie sich entscheidet, vielleicht noch drei weitere Ehefrauen neben ihr haben wird. Für sie ist Frauenbeschneidung ein fester und guter Bestandteil ihrer Kultur. Und es würde ihr niemals einfallen, bei 45 °C im Schatten ohne ihr schwarzes Gewand plus Kopftuch in die Öffentlichkeit zu gehen.

Der Taxifahrer meines Vertrauens hat den Kontakt hergestellt. Ich suchte jemanden, der für mich sauber macht. Am ersten Tag, als ich sie traf, kam sie selbstbewusst in mein Haus. Hoch erhobenen Hauptes zog sie ihre Dschallabija aus, nahm den Eimer in die Hand und begann zu wirbeln. Ihre offene und direkte Art hat mich tief beeindruckt. Meine peinliche Berührtheit darüber, dass sie nur 2,50 € die Stunde verlangt, verflog schnell angesichts ihrer Freude, für mich arbeiten zu können. Putzen ist eine der wenigen Möglichkeiten für sie, ihr eigenes Geld zu verdienen. Am Ende des Tages lud sie mich zu sich nach Hause zum Essen ein.

Von Menschen, die sich begegnen

Aus dem ersten Essen sind inzwischen viele geworden. Mit ihrer offenen Art nimmt Fatma mich an die Hand und schenkt mir einen Einblick in ihr Leben. Wir sprechen über Männer, Beinhaarrasur und die Liebe. Wir lachen gemeinsam und machen uns gegenseitig Geschenke. Sie freut sich, wenn ich auf Arabisch frage, wie es ihr geht, und gibt mir jedes Mal weitere arabische Worte mit auf den Weg. Umgekehrt bin ich entzückt, wenn ich ihr gebrochenes Deutsch verstehe. Englisch hat sie durch den Verkauf kleiner Armbänder auf der Straße gelernt. Ihre konservativen Nachbarn nerven sie, weil diese alles, was anders ist, abschätzig kommentieren. Doch sie lässt mich sein, wie ich bin – mit meinem kurzen Kleid, meinen offenen Haaren und meiner typisch deutschen Korrektheit.

Fatma nimmt mir meine Ängste und lässt mich meine Vorurteile überdenken. Sie ist eine von den Menschen, durch die Integration erst möglich wird, weil sie sich öffnet und mich in ihr Leben lässt. Es geht ihr nicht darum, mich von ihrer Lebensweise zu überzeugen, sondern darum, dass ich diese kennenlerne. Wir entdecken über all unsere Unterschiede hinweg unsere Gemeinsamkeiten und stellen fest, dass wir einfach zwei Menschen sind, die sich begegnen. Im Zusammensein mit Fatma bedeutet Integration schlichtweg Freundschaft.

Ich bin all jenen Menschen in Ägypten dankbar, für die meine Herkunft, Hautfarbe, Kleidung, Religion oder einfach ich selbst ein Anlass dazu sind, mit mir in Kontakt zu treten. Die neugierig darauf sind, was ich zu erzählen habe und wie ich die Welt sehe. Das sind die Menschen, die mich bereichern und mich einladen, meinen Horizont zu erweitern. Einfach dadurch, dass sie mutig genug sind, trotz all unserer kulturellen Gegensätze herauszufinden, wo unsere menschliche Gemeinsamkeit liegt.