Mein Leben in Fülle: Endlich darf auch Mangel sein

Vor einigen Wochen saß ich morgens in meinem Bett und mit einem Mal machte etwas in mir klick. Während einer Dankbarkeitsübung, bei der ich so tat, als wären meine unerfüllten Wünsche bereits Wirklichkeit geworden, sagte ich wie von selbst laut den Satz: „In dem Moment, in dem ich mich entschieden habe, in Fülle zu leben, war auch das plötzlich möglich!“

Stille.

Vor mir lag eine Liste mit Wünschen. Es standen große und kleinere Wünsche drauf. Materielle und andere. Einfach Wünsche, wie sie wohl jeder hat. Und dann sagte ich diese Worte, die mir zwar irgendwie lange vertraut gewesen waren, doch die mit einem Mal mein Bewusstsein erreicht hatten.

Und nach der Stille kam der Sturm.

Innerer Sturm

Der innere Sturm. Hier auf Vulcano/Sizilien.

Mich für Fülle entscheiden. Was bedeutet das eigentlich?

Es wirbelten unendlich viele Gedanken durch meinen Kopf. Bisher hatte ich in vielen Bereichen meines Lebens den Eindruck gehabt, von einem Gefühl der Fülle weit entfernt zu sein. Und zwar nicht, weil ich mich dafür entschieden hatte, sondern weil die Umstände einfach nicht erfüllend waren – dachte ich.

Wie etwa ist es möglich, in Fülle zu leben, wenn ich doch seit Jahren den Wunsch habe, meine Familie und meine Freunde in den USA zu besuchen, doch mein Geldbeutel es nicht hergibt? Wie soll ich in Fülle leben, solange mir nicht klar ist, wie ich im nächsten Monat meinen Lebensunterhalt sicherstelle, da meine Kunden gerade in der Sommerpause sind? Wie kann ich in Fülle leben, solange in meinen Finanzen ein riesiges Loch klafft?

Wut brauste in mir auf und es brodelte. Wie soll ich mich für ein Leben in Fülle entscheiden, wenn doch um mich herum nur Mangel herrscht? Ich war mir sicher, die Umstände standen zwischen mir und dem Leben, das ich mir so sehr wünschte. Solange die Umstände so blieben, wie sie waren, konnte sich gar nichts ändern.

Doch die Umstände änderten sich. Ich entschied mich, in einem Land zu leben, in dem andere Menschen nur Urlaub machen. Gleichzeitig betrugen die Lebenshaltungskosten nur ein Minimum von denen in Deutschland. Es kamen Kunden zu mir, die bereit waren, viel Geld in gute Texte zu investieren. Und nach einer Weile realisierte ich, dass die Umstände so waren, wie ich sie mir immer für ein Leben in Fülle vorgestellt hatte – doch das Gefühl der Fülle trat nicht ein.

Als ich das feststellte, entwickelte sich der Sturm zu einem ausgelassenen Orkan.

Ein innerer Orkan

Der Orkan, der mir nicht nur die Frisur zerpflückt hat.

Es begann damit, dass ich verzweifelt jemanden suchte, den ich für mein Mangelgefühl verantwortlich machen konnte. Etwa meine Familie, die es versäumt hatte, mich für die Fülle im Leben zu sensibilisieren. Oder die Schule, die mich, statt mich in meinen Talenten zu fördern, durch ihr beknacktes Notensystem nur noch mehr verunsichert hatte. Auch das Finanz- und Steuersystem kam mir wie gerufen, da es so undurchsichtig war wie die schwarze Tinte eines Riesenkraken. In mir tobte ein rebellischer Trotz, der mit aller Macht versuchte, die unangenehme Wahrheit von mir selbst fernzuhalten.

Doch das war erst der Anfang.

Denn die unsanften Böen des inneren Unwetters warfen mich immer wieder zurück auf mich selbst. Sie packten mich, schüttelten mich durch, drückten mich zu Boden und rissen mich hoch. Doch um nichts in der Welt war ich bereit, mir oder einem anderen einzugestehen, dass allein ich diejenige war, in deren Macht es lag, mich für ein Leben in Fülle zu entscheiden. Denn das hätte ja bedeutet, dass ich vierzig Jahre lang nur einen einfachen Gedanken von meinem Paradies entfernt gewesen war – und das durfte einfach nicht sein.

Als ich meinen Stolz erkannte, kam die Stille zurück.

Die Ruhe nach dem Sturm … auch auf Vulcano/Sizilien

In Fülle leben. Was bedeutet das eigentlich?

Bedeutet es, das mir jeder Wunsch erfüllt wird? Dass ich immer und zu jeder Zeit die richtigen Ideen parat habe, um meine Ziele zu erreichen? Meint „in Fülle leben“ die Abwesenheit von Neid, Unmut oder Sehnsucht? Ist „in Fülle leben“ das ausschließliche Mich-Hinwenden zu den Dingen, die ich habe, und das Nicht-Wahrnehmen der Dinge, die ich nicht habe? Bedeutet „in Fülle leben“ also, immer ein halb volles Glas statt ein halb leeres Glas Wasser vor mir zu haben?

Die Antwort auf diese Frage erreichte mich sofort:

„In Fülle leben“ heißt, mich mit meinem Leben so anzunehmen, wie ich bin. „In Fülle leben“ meint, Gefühle wie Sehnsucht, Neid oder Unmut anzuerkennen, statt sie ändern oder nicht fühlen zu wollen. Es bedeutet, der Menschlichkeit in mir vollkommen zuzustimmen. Und ich als Mensch finde das Leben manchmal unglaublich ungerecht und unfair, bevor ich im nächsten Augenblick wieder vor Glück durch den Tag tanze. Ein Leben in Fülle ist ein Leben in Unvollkommenheit, denn nur, wenn wirklich alles sein darf, lebe ich in Fülle.

Ein warmer Wind kam auf und streichelte meine Seele.

Ein leichter, warmer Wind

Ein leichter Wind und schöne Blüten.

In diesem Augenblick entschied ich mich, vorbehaltlos in Fülle zu leben. Die Konsequenzen meines Entschlusses konnte ich in dem Moment noch nicht absehen. Es konnte sein, dass ich nie das Geld zusammenhaben würde, um in die USA zu reisen – es konnte aber auch sein, dass sich mit einem Mal Möglichkeiten auftun würden, von denen ich jetzt noch gar nichts ahnte.

Doch das war gar nicht mehr wichtig. Viel wichtiger war der innere Frieden, der sich in mir ausbreitete. Eine tiefe Entspannung. Körperlich spürbar. Glückseligkeit.

„In dem Moment,
in dem ich mich entschieden habe, dem Mangel in meinem Leben zuzustimmen,
trat die Fülle auf mich zu.“

Glücksfeld

Das Glücksfeld. Dreiblättrig, deshalb wohl die Fülle.

 

 

 

Ein Gedanke zu „Mein Leben in Fülle: Endlich darf auch Mangel sein

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