Dumpingpreise bei Textern und was der Koch damit zu tun hat

Als Texterin höre ich immer wieder die Empörung darüber, dass manche Auftraggeber nicht bereit sind, mehr als 2 Cent pro Wort zu zahlen und dass wir deswegen keine Möglichkeit haben, unser volles Potenzial einzusetzen, um einen Premiumtext zu Papier zu bringen.

Schließlich arbeiten und arbeiten wir, damit wir mit dem bisschen Geld, das wir verdienen, unseren Alltag finanzieren können. Wo bleibt da die Zeit, geschweige denn die Energie, für einen wirklich guten Text? Stattdessen regen wir uns über Dumpingpreise auf und darüber, dass unsere Arbeit nicht wertgeschätzt wird. Wir erleben uns als das hilflose Opfer einer bitteren, geldgierigen Gesellschaft, die nur darauf aus ist, unsere Kreativität auszusaugen, um uns anschließend leergelutscht in der Ecke der gescheiterten Existenzen zu vergessen.

Gebe ich mich diesen Gesprächen hin, drücken sie mich zu Boden. Sie rauben mir die Lust auf meinen nächsten Auftrag. Dann fühlt es sich an, als habe ich mit meiner Berufswahl alles falsch gemacht und mir aus dem Topf der Fähigkeiten ausgerechnet die herausgepickt, die am wenigsten wert ist.

Doch wer legt den Wert meiner Arbeit eigentlich fest? Ist es tatsächlich die bittere, geldgierige Gesellschaft? Sind es die Auftraggeber? Oder sind es meine Berufskollegen, die mir mit ihren Dumpingtexten jeden Auftrag vor der Nase wegschnappen?

Oder aber … Bin ich es selbst, die den Wert meiner Arbeit bestimmt? Die die Entscheidung darüber fällt, Gourmetformulierungen für den Unternehmenserfolg meines Auftraggebers anzubieten oder bloß Fast-Food-Floskeln, um meinen Alltag zu finanzieren?

Die Geschichte vom Koch und vom Gast

Clubsandwich im Restaurant

Gourmet hin oder her – manchmal muss es einfach ein Burger sein. Oder ein Clubsandwich 🙂 Hat geschmeckt!

Mir ist aufgefallen, dass mein Verhalten lange Zeit dem eines Kochs in einem Gourmetrestaurant glich. Eines ängstlichen Kochs, den es hoffentlich gar nicht gibt.

Dieser besagte Koch hat vor einiger Zeit sein eigenes Drei-Sterne-Restaurant in der Stadt eröffnet, nachdem er jahrelang in Anstellung Erfahrungen gesammelt hat. Die Preise in seinem Restaurant sind hoch – doch dafür hat er seinen Gästen auch etwas bieten. Schließlich verwendet er nur die besten Zutaten für seine Gerichte. Auch die Zubereitungszeit, ist im Preis miteinkalkuliert. Denn nur so kann er seinen Kunden mit jedem Bissen einen besonderen Genuss bereiten. Und da ein gutes Ambiente zu einem gehobenen Restaurant dazugehört, hat der Koch auch an der Innenausstattung nicht gespart.

Eines Tages gibt ein Gast seine Bestellung mit der Anmerkung auf, dass er nicht bereit sei, den vollen Preis zu zahlen, sondern nur einen Bruchteil davon. Seine Geldbörse gebe nicht mehr her. Falls das jedoch ein Problem sei, könne er natürlich auch in das Restaurant nebenan gehen. Oder in das gegenüber. Auswahl sei ja genügend vorhanden. Da der Koch unsicher ist und Angst hat, dass seine Küche kalt bleibt, falls der Kunde geht, stimmt er dem Angebot des Kunden zähneknirschend zu. Bei der Zubereitung gibt sich der Koch große Mühe und hofft, dass der Gast beim nächsten Mal bereit ist, mehr zu zahlen – schließlich hat er nun einen Eindruck von seinen Kochkünsten erhalten.

Doch als der Gast am folgenden Tag wiederkommt, bestellt er das gleiche Menü mit der Anmerkung, dass er auch heute nicht mehr als gestern zahlen werde. Mit einem bitteren Lächeln im Gesicht geht der Koch in die Küche und ärgert sich über den Kunden. Diesmal gibt er sich nicht so viel Mühe bei der Zubereitung. Zwar würde er es gerne, doch dazu fehlen ihm die Mittel. Die Miete ist hoch, die Zutaten teuer und er muss auch noch andere Menschen bekochen, damit er seine Ausgaben decken kann. Doch vor allem ist der Koch missgelaunt darüber, dass der Gast offenbar nicht zu schätzen weiß, wie viel Arbeit und Mühe in seinem Restaurant und in seinen Gerichten steckt. Viel mehr als eine Fast-Food-Zubereitung serviert er dem Kunden deshalb nicht. Zwar ist das für den Koch unbefriedigend und er schämt sich auch ein bisschen, als er die Enttäuschung im Gesicht des Gastes sieht, aber er muss ja schließlich auch an sich selbst denken …

Restaurant am Meer. Ja, ihr könnt es nicht sehen … aber es ist so wunderschön <3

Glücklicherweise hat der Koch in meiner Geschichte schon am dritten Tag bemerkt, dass es so nicht weitergehen kann. Also hat er für sich eine Entscheidung gefällt.

Als der Kunde am nächsten Tag kommt, tritt der Koch auf ihn zu und sagt: „Sehr geehrter Herr Gast, es tut mir leid, dass ich Sie gestern enttäuscht habe. Sie haben eine Bestellung für mein Drei-Sterne-Menü aufgegeben und stattdessen ein Fast-Food-Gericht serviert bekommen. Es war mein Fehler, denn ich habe mich aus Angst, dass meine Küche kalt bleibt, mit Ihnen auf einen Handel eingelassen, dem ich gar nicht gerecht werden kann. Damit das nicht noch einmal vorkommt, berechne ich ab jetzt für das Menü nur noch den Preis, der auf der Karte vermerkt ist. Die Extraportion Petersilie, die Sie so gerne mögen, die bekommen Sie selbstverständlich weiterhin gratis dazu.“

Ich weiß nicht, was der Gast daraufhin gemacht hat. Es kann sein, dass er in das Restaurant nebenan gegangen ist. Oder in das gegenüber. Auswahl hat er ja genug. Vielleicht kam er auch wieder zurück. Wirklich – ich weiß es nicht. Doch der Koch steht nun mit Begeisterung in der Küche und freut sich über jede Bestellung. Ja, es stimmt. Es sind nicht mehr so viele Kunden da wie zu der Zeit, als der erwähnte Gast noch bei ihm verkehrt hat. Dafür aber hat der Koch nun ausreichend Zeit, die einzelnen Speisen zuzubereiten und mit all der Sorgfalt zu behandeln, die ein Drei-Sterne-Menü von einem Fast-Food-Gericht unterscheidet.

Fast-Food-Floskel oder Gourmetformulierung

Tanzen und springen und albern und lachen … essen übrigens auch. Wir leben doch nur einmal!

Massenprodukte gibt es in der Textwelt mehr als Worte. Doch Texte, die unser Denken für neue Möglichkeiten öffnen, uns zu unseren verborgenen Sehnsüchten tragen, mit unseren Sinnen tanzen und sich des vollen Reichtums aus dem Handwerkskoffer der Schreibkunst bedienen, sind wie ein Drei-Sterne-Restaurant zwischen all den Fast-Food-Ketten: selten. Dabei sind es diese Texte, die uns in Erinnerung bleiben, weil sie nicht nur eine Aneinanderreihung aus fehlerfrei geschriebenen Worten sind, sondern eine leserliche Köstlichkeit aus Buchstaben, Satzzeichen und Absätzen bilden, die unsere Gedanken stimulieren und unseren Geist, Satz für Satz, mit den Inhalten füllen, die ihn gesund erhalten und ihn nähren

Ich möchte, dass Texte solcher Art meinen Schreibtisch verlassen und zum Kunden gelangen. Das sind die Texte, die bereits während des Schreibens eine Wirkung erzielen und beim Lesen ihre volle Kraft entfalten. Doch es liegt in meiner Verantwortung, dafür zu sorgen, dass die Bedingungen, die ich brauche, um hochwertige Inhalte zu erstellen, eingehalten werden. Die Verantwortung meines Kunden ist, sein Budget im Blick zu behalten.

Natürlich kann es dann sein, dass Kunden einen Kollegen beauftragen, der bereit ist, für 2 Cent pro Wort zu arbeiten – Auswahl gibt es genug. Es ist auch möglich, dass ich meine laufenden Kosten dann nicht mehr decken kann, da mir die Kunden vollständig ausbleiben. Auch ist es denkbar, dass ich mit meinem Entschluss alleine dastehe und die Kollegen, die für wenig Geld hart arbeiten, auf mich herabschauen und tuscheln: „Sieh nur – die glaubt wohl, die sei etwas Besseres.“ Wer weiß das schon? Es ist ein Risiko.

Doch wie heißt es so schön? No risk, no fun!

Und ich tanze und feiere und drehe mich um.
Ich flippe und wirbele und lache mich krumm.
Das ist das Leben, es gleicht einem Fest.
Manchmal mit Angst, doch mein Mut ist „the best“.

4 Gedanken zu „Dumpingpreise bei Textern und was der Koch damit zu tun hat

  1. Elisabeth

    Liebe Viola,

    du schreibst mir aus dem Herzen!

    Ich lasse alles auf mich zukommen 🙂 Es kommt immer drauf an, für welche Kunden ich schreibe, je nachdem variiert das Honorar. Aber mein Weg führt immer weiter weg davon, für Kunden zu schreiben, weil ich meine Größe lebe(n will) und da passen Honorare, die an der untersten Preisschwelle sitzen, schon gar nicht mehr rein 😉

    Ich gehe ja auch nicht zum Bäcker und handle den Brotpreis runter… 😉 Und wenn ich für Coachs schreiben soll, die mir für ihre Webtexte (nur) 200 Euro zahlen können/wollen, was bei ihnen der Preis für eine einzige Coachingstunde ist, dann bekommen sie ein Nein von mir. Ist meine Arbeit weniger wert als ihre!? Aber das ist (m)ein Selbstwertthema, an dem ich ganz gut dran bin 🙂

    Herzliche Grüße aus Wien zu dir,
    Elisabeth

  2. Christian

    Es gibt in Deutschland genau zehn 3-Sterne Restaurants. Das eigentliche Problem könnte auch sein, dass in diesem Land jeder “was mit Medien” machen möchte und sich 500.000 Autoren für “3-Sterne Köche” halten ;-). Ein guter Text sollte auch realistische Vergleiche beinhalten.

  3. viola Artikelautor

    Liebe Elisabeth,

    vielen Dank für Deinen Kommentar!

    Ja, es ist auch ein Selbstwertthema. Nur … wie erhöht sich unser Selbstwert, solange wir uns selbst in den Preisen drücken lassen? Wahrscheinlich gar nicht.
    Super, dass auch Du auf dem Weg bist 🙂 Ich bin auf der Suche nach Menschen, die denken und handeln wie ich, damit wir uns gegenseitig ermutigen – Stück für Stück – unsere Texte für einen angemessenen Preis zu verkaufen.

    Herzliche Grüße aus dem warmen Ägypten nach Wien

    Viola

  4. viola Artikelautor

    Hallo Christian,

    da stimme ich Dir 100% zu. Auch ich habe viele Medienspezialisten kennengelernt, wo das Wort Spezi (spezieller Freund, in unserem Fall mal Helfer) wohl besser gepasst hätte.
    In meinem Text ging es mir doch vor allem um zwei Dinge:

    1. Deutlich zu machen, dass ich als Texterin meine eigene Qualität zunichtemache, sobald ich Aufträge annehme, die schlecht bezahlt werden (und das hat nichts mit dem Auftraggeber zu tun, sondern liegt einzig und allein in der Verantwortung des Texters)

    2. Ich wollte übertreiben, um das Beispiel klar zu unterstreichen.

    Dennoch danke ich Dir sehr für den Hinweis, denn in der Tat habe ich mich vorher nicht informiert, wieviele 3-Sterne-Köche es denn nun tatsächlich in Deutschland gibt. Das hielt ich in dem Fall für die Botschaft nicht für wichtig, ist es aber vielleicht beim nächsten mal doch.

    Sonnige Grüße
    Viola

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