Mein Leben mit der Einsamkeit

… oder die Sache mit der Mousse au Chocolat

Während meiner Reise wurde ich bereits öfter gefragt, ob ich mich einsam fühle, weil ich allein unterwegs bin. Meistens verneine ich die Frage. Im Zeitalter von Facebook, WhatsApp und Skype sind meine Freunde immer dabei. Ich bekomme den Frühling in Deutschland genauso mit, sie meine Ausflüge in die Wüste. Bilder werden ausgetauscht, Sprachnachrichten übermittelt, Videocalls abgehalten. Nein, so wirklich alleine reise ich nicht.

Hinzu kommt, dass ich unterwegs wesentlich offener bin und schnell Menschen kennenlerne. Häufig erzähle ich dann meine Geschichte: Ich habe in Bremen alles aufgelöst, bin seit Oktober unterwegs und habe keine Ahnung, wie es weiter geht und wo ich als nächstes hinfliege. Diese Kontakte mögen oberflächlich sein, und doch entwickeln sie für den Moment eine ungeahnte Tiefe. Da ich häufig an Orte fahre, an denen ich viel Zeit mit mir selbst verbringe, holen sie mich raus aus meiner eigenen Welt und helfen mir bei der Symbiose mit der Wirklichkeit.

Wofür ich mich entscheide

Film

Namibia im Auto

Sicher, manchmal habe ich Heimweh. Hin und wieder fehlt es mir, spontan mit einem Freund ein Glas Wein zu trinken. Gerade im Augenblick sehne ich mich nach der ewigen Verfügbarkeit des Internets und dem Frühlingserwachen in Deutschland – doch all das sind Gefühle, die ich bereits aus Bremen kenne.

In Bremen habe ich mich unter den Himmel Afrikas gesehnt, oder – ganz profan –, danach, dass mich der Pfeifton von WhatsApp aus meinem momentanen Gefühl des Abgeschnittenseins befreit. Oft habe ich mir gewünscht, dass spontan jemand Zeit hat, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Gleichzeitig fand ich manche Begegnungen unglaublich anstrengend, weil sie nur an der Oberfläche zu kratzen schienen.

Die Frage nach der Einsamkeit ist keine Frage, der äußeren Umstände. Es gibt Singles, die sich mit der Welt verbunden fühlen und Paare die über Einsamkeit klagen. In einer Großstadt ist die Gefahr der Einsamkeit womöglich größer als mitten in der Wüste, in der man gleich die eigene Bedeutsamkeit angesichts von so viel Schönheit und Weite infrage stellen könnte.

Einsamkeit hat nichts damit zu tun, wo wir uns räumlich befinden und mit wem wir unsere Zeit verbringen, sondern allein damit, wo wir innerlich stehen. Ob wir uns der Fülle des Lebens hingeben oder die Tür hinter uns zuziehen und die Party des Lebens außen vor lassen.

Auf Reisen nehmen wir uns immer mit. Unsere Momente der Einsamkeit genauso, wie unsere Augenblicke der Verbundenheit, in denen wir erkennen, dass egal, wo wir sind, wir die Fähigkeit besitzen, Freundschaften aufzubauen.

Es liegt an uns, ob wir diese Fähigkeit nutzen. Ob wir gewillt sind, raus zu gehen und in Beziehung zu treten oder die Tür zuknallen und schmollen.

Eine dicke Portion Mousse au Chocolat

Trettborn

Bereit für die Party des Lebens!

Die Frage also, ob ich mich einsam fühle, kann ich auch bejahen. Doch es hat nichts mit meiner Entscheidung des Alleinreisens zu tun – sondern mit meiner Entscheidung, ob ich mich in dem Augenblick für die Welt öffne oder nicht. Ob ich mich der Fülle der Begegnungen hingebe oder der Party des Lebens verschließe.

Natürlich kommt es vor, dass ich genau das mache. Dann finde ich die ganze Welt doof und wünsche mir, dass sie mit ihrer blöden Party nicht so einen verdammten Lärm macht.

Doch meistens halte ich das nicht lange aus. Ich meine – was habe ich davon, mich einsam zu fühlen? Dann steigt die Party ohne mich und das Buffet essen andere Leute leer.

Spätestens, wenn mir die Sache mit dem Buffet klar geworden ist, pelle ich mich aus meiner Einsamkeit, öffne die Tür, zippel mein Kleid zurecht und rufe: „Moment! Lasst mir was von der Mousse au Chocolat übrig!“ Dann gehe ich eiligen Schrittes direkt an den Tisch mit den Köstlichkeiten, fülle meinen Teller und stelle mich zu einem Grüppchen von Partygästen.

„Hi, ich bin Viola“, beginne ich dann das Gespräch noch ein bisschen unsicher. „Habt ihr schon mal über das Thema Einsamkeit nachgedacht?“

Auto

Keine Mousse au Chocolat, dafür ein Auto.

4 Gedanken zu „Mein Leben mit der Einsamkeit

  1. Kornelia

    Toller Artikel!!! Was die Einsamkeit der Wüste an Inspiration freisetzen kann, ist faszinierend. Bitte mehr ♥

  2. viola Artikelautor

    Liebe Kornelia,
    danke für Deinen Kommentar! Ja, tatsächlich legt die Einsamkeit einiges Frei an Inspiration und Gedanken – und an Zeit, sie zu verfassen 😉

    Ja, ich schreibe mehr 😉

    Viola

  3. Claudia

    Hallo Viola,
    danke, dass du deine Erlebnisse und Gedanken mit uns teilst. Beim Lesen deines Artikels wird mir meine Angst, Schritte in ein neues, anderes Leben zu gehen, sehr bewusst. Immer, wenn ich daran denke, was du tust, fühle ich es. Ich bewundere deinen Mut und ich freue mich über deine Inspiration, die du mir schenkst. Mein Weg ist ein anderer und du machst Mut, ihn zu gehen, dabei Zweifel und Angst zu fühlen und mich selbst zu erkennen.
    Freue mich auf deine Geschichten 🙂

  4. viola Artikelautor

    Liebe Claudia,

    vielen Dank für Dein tolles Feedback. Es freut mich, eine Inspiration sein zu können – so wie Du mir eine bist (gerade im Augenblick erinnere ich mich wieder an die gesunde Ernährung und lebe sie, danke!).

    Ja, wir gehen alle unsere eigenen Wege, doch irgendwo treffe wir uns immer wieder. Schön, das Du bei mir bist!

    Viola

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