Reisefieber – Sechzig Tage vor Abfahrt

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Das was mir wichtig ist kommt zu Freunden.

Es kommt mir vor, als steuere ich auf ein großes, schwarzes Loch zu. Keine Ahnung, was dahinter liegt, ob etwas dahinter liegt und wie es dann weiter geht. Ich schwanke zwischen den Fragen, ob ich den größten Fehler meines Lebens begehe, oder eine gewaltige Chance ergreife.

In genau sechzig Tagen startet mein Flug in die Ungewissheit. Ein neues Leben fängt an, eins, ohne feste Wohnung, ohne geregelten Tagesablauf und ohne all das, was mir vertraut ist. Am dritten Oktober lande ich Ägypten als erste Station meiner Weltreise.

Es ist nicht nur ein neuer Lebensabschnitt, der beginnt. Es ist nicht einfach die Tatsache, dass mein Sohn auszieht, ich umziehe, den Job wechsle oder heirate. Sondern ich löse mich aus allem Vertrauten und habe keine Ahnung, was mich danach erwartet.

Manchmal wache ich auf und frage mich, ob ich das wirklich will. Denn an manchen Tagen – und vor allem in den ungeschützten Nächten – packt mich die Ungewissheit von hinten und lässt mir einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen. Doch irgendetwas in mir sagt auch, wenn ich das nicht mache, ich nicht ins Unbekannte aufbreche und alles so weiterlaufen lasse wie bisher, dann werde ich nie erfahren, was hinter diesem schwarzen Loch auf mich wartet.

Ich habe ein zu Hause

Und dann erinnere ich mich an die Flüchtlingsströme, die gerade unser Land in Unruhe versetzen. Tausende von Männern, Frauen und Kindern, die aus ihrer Heimat aufgebrochen sind, ohne zu wissen, ob sie jemals zurückkehren werden. Unzählige Menschen, die vielleicht nicht mal ein Foto von ihren Familien dabei haben und hier in Deutschland auf eine fremde Kultur, eine fremde Sprache und fremde Geschmäcker stoßen. Sie leben zum Teil in riesigen Schlafsälen zusammen und haben monatelang keine Privatsphäre, in der sie ungestört über ihr zurückgelassenes Leben trauern können. Sie leben in wirklicher Ungewissheit, weil sie nicht mal wissen, ob sie am kommenden Tag noch in Sicherheit sind, oder am Ende doch abgeschoben werden. Ob ihre Familie zu Hause noch lebt oder dem Krieg und Hunger bereits zum Opfer gefallen sind.

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Nur wenn ich losgehe, werde ich wissen, was mich erwartet!

Ich habe immerhin die Möglichkeit heimzukehren und mir ein neues Leben aufzubauen mit Dingen, die mir im Laufe der Jahre als Herz gewachsen sind und die ich bei Freunden untergestellt habe. Ich weiß immerhin, dass es meiner Familie gut geht, und brauche mir keine Sorgen zu machen, dass sie nicht ausreichend zu Essen haben oder ihnen das Haus, in dem sie schlafen, fernsehen, Bier trinken oder sich mit Freunden treffen zerstört wird.

Ja, ich trete die Reise an. Ich möchte wissen, was hinter diesem schwarzen Loch liegt. Ich möchte wissen, ob ich einen riesigen Fehler begehe oder eine gigantische Chance ergreife. Ich entschließe mich einfach, darauf zu vertrauen, dass mein neues Leben gespickt ist mit neuen Erfahrungen, die mir eine neue Welt eröffnen.

Die erste neue Erfahrung mache ich jetzt gerade – ich erfahre, dass ich Ungewissheit aushalten kann und dass das Leben einen Tag nach dem anderen stattfindet.

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